Nicht erst in der Gegenwart, sondern schon seit der Ankunft des Islam in den europäischen Teilen des Byzantinischen Reichs, auf der iberischen Halbinsel und in Süditalien ist der Islam in Europa präsent. Manche gegenwärtigen Befürchtungen, „der Islam“ könne Europa überrennen, gehen auf jahrhundertealte Stereotypen zurück. Ebenso alt sind auch wertschätzende Sichtweisen auf den Islam, als „einfache“ Religion, die keine Dogmen wie etwa die christliche Trinitätslehre brauche.

Im Seminar lesen wir einschlägige Texte in lateinisch-deutschen Ausgaben, beginnend mit Petrus Alfonsis Dialogus (ca. 1110), einer Kritik an Judentum und Islam aus Sicht eines Konvertiten zum Christentum. Weitere Autoren, die teils mit Muslimen zusammenlebten, sind Petrus Venerabilis, Wilhelm von Tripolis, Wilhelm von Tyrus, Nikolaus von Kues, Martin Luther, Michael Servet. Auch befassen wir uns mit der Geschichte der Ringparabel, die schon lange vor Lessings „Nathan dem Weisen“ (1779) sogar im ‚einfachen Volk‘ verbreitet war.  Danach machen wir einen Sprung zu gegenwärtigen Texten, nun auch von Muslimen, die in Europa leben und dies thematisieren (z.B. Navid Kermani, Katajun Amirpur, Ömer Özsoy, Smail Balic, Tariq Ramadan). Einige der modernen Texte entstammen dem Umfeld des sog. interreligiösen Dialogs, andere sind davon gänzlich unabhängig.

Auch wenn es in den Texten selbst meistens um theologische Positionierungen geht (von christlicher oder muslimischer Seite), versuchen wir als Religionswissenschaftler*innen herauszufinden, in welchem Kontext diese Texte entstanden: Welche Vorstellungen hatte die „einfache“ Bevölkerung, wie gingen die Betreffenden mit den Andersgläubigen um?

Das Seminar ist für Studienanfänger ebenso geeignet wie für Fortgeschrittene und Master-Studierende. Lateinkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, aber es wäre sehr wünschenswert, wenn einige Lateinkundige dabei wären.

Bis zum Ende des Versammlungsverbots wg. Corona werden wir das Seminar rein virtuell durchführen. Bitte melden Sie sich bei Campus-Online und in der E-Learning-Plattform für das Seminar an. Dort geben wir die Details bekannt.

Einführende Literatur:
- Ulrich Berner: Religion und Dialog. Interreligiöser Dialog und/oder Kooperation, in: Ders.: Religionswissenschaft (historisch orientiert), Göttingen 2020, 324-355 (der Text wird demnächst auf E-Learning eingestellt)
- Christoph Bochinger: Ist religiöse Vielfalt etwas Gutes? Pluralismus und Pluralität in der Religionswissenschaft.