Iwein ist Ritter am Hofe König Artus‘. Von dort bricht er auf, um âventiure zu suchen. Nachdem er einen Ritter namens Ascalon getötet hat, heiratet er dessen Witwe Laudine. Allerdings verliert er nach einem Jahr deren Gunst und verfällt dem Wahnsinn. Schließlich muss er eine Reihe von Abenteuern bestehen, um seine êre und seine Ehe wiederherzustellen.

Diese Geschichte hat aber nicht nur ein mittelalterliches Publikum fasziniert, sondern erfreut sich, z. B. in der Nachdichtung Felicitas Hoppes, auch bei einer zeitgenössischen Leserschaft großer Beliebtheit. Das Einführungsseminar wird sich deshalb exemplarisch anhand dieses Artusromans, teilweise vor der Vergleichsfolie des modernen Kinder- und Jugendbuches, mit dem sozio-kulturellen Kontext und der spezifischen Erzählweise der mittelalterlichen Literatur auseinandersetzen sowie literaturwissenschaftliches Arbeiten erlernen und einüben.

Der begleitende Besuch eines Tutoriums wird dringend empfohlen.

Sprache wird ohne ihre kulturelle Einbettung zu einem sinnleeren Glasperlenspiel, und dies umso mehr, wenn es sich um literarische Sprache handelt. Die mittelhochdeutsche Literatur entfaltet ihren sprachlichen Sinn demnach erst im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Kultur. Dieser Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur soll im Seminar konsequent verfolgt werden anhand einer parallel laufenden linguistischen und kulturhistorischen Betrachtung literarischer Texte aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Dabei sollen die vielen sprachlichen Unterschiede zwischen Mittelhochdeutschem und Neuhochdeutschem Sprachstand auch als kulturelle Unterschiede begreifbar werden, ein Synergieeffekt, der für Übersetzen und Interpretieren gleichermaßen grundlegend ist. Die Kompetenzen, die im Rahmen des Propädeutischen Wochenendes erworben werden, werden vorausgesetzt (Besuch im selben Semester empfohlen). Die im Sprachkurs erworbenen Kenntnisse werden auch nach Kursabschluss studienbegleitend regelmäßig nachgeprüft werden. Zur Anschaffung: Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 37. Aufl. Stuttgart 1986 u.ö. Der Kurs findet im Rahmen des Konzepts „flipped classroom“ statt. Der Wissenserwerb findet entsprechend vor allem in Form häuslicher Vorbereitung auf Basis eines E-Learning-Kurses statt.

Mit der Geschichte vom Löwenritter Iwein verdeutscht Hartmann von Aue im ausgehenden 12. Jahrhundert eine französische Erzählung, die einen wahren Boom von Artusromanen mitbegründet. Das Seminar wird anhand des einen Romans unterschiedliche interpretatorische Zugänge zur höfischen Literatur des Mittelalters erproben und einüben, wobei großes Augenmerk auf die kulturelle und gesellschaftliche Einbettung der Literatur in der Vormoderne gelegt werden wird. Nicht zuletzt sollen auch Rezeption und Performanz des Iwein im Mittelalter Gegenstand der Untersuchung sein.

Intersektionalität benennt die Verschränkung von unterschiedlichsten Kriterien sozialer Ungleichheit, die in der Regel die Grundlage für Mechanismen der Exklusion und Integration, Privilegierung und Diskriminierung bilden. Klassische Differenzkategorien sind „Klasse“, „Rasse“ und „Geschlecht“. Die Übertragung und Anwendung der Intersektionalitätsanalyse auf frühere Epochen, wie das Mittelalter oder die Frühe Neuzeit, stellt eine besondere Herausforderung dar; vor allem auch deshalb, weil die Tragfähigkeit der Kategorien überhaupt erst noch überprüft werden muss. Das Seminar versucht auf der Basis der ‚intersectionality studies‘ neue Verständnismöglichkeiten für die Repräsentation und Verhandlung sozialer Un/Gleichheit zu erschließen.

Als Untersuchungsgegenstand dienen uns hierbei Hans Stadens Amerikareiseberichte, das erste ausführliche deutschsprachige Buch über Brasilien aus dem 16. Jahrhundert: die Warhaftige Historia vnd beschreibung eyner Landtschafft der Wilden I Nacketen I Grimmigen Menschenfresser Leuthen I in der Newenwelt America gelegen. Aktuell erscheinen Stadens Reisebericht als ein international und interdisziplinär diskutierter wichtiger Referenzpunkt in Fragen der präkolumbianischen Kulturen Brasiliens, der allgemeinen Reiseliteratur-, Kolonialismus- und der Alteritätsforschung sowie der kulturwissenschaftlichen Debatte um das Phänomen der Anthropophagie.


Der Text beinhaltet 95 sogenannte Historien, in welchen die Figur des Ulenspiegel das Spektrum der spätmittelalterlichen Gesellschaft abschreitet: Er kommt in Städte, Dörfer, in Handwerksbetriebe, an den Königshof, in die Kirche und an die Universität, wobei er deren soziale Ordnungen aufdeckt und stets ihre Widersprüche vorzuführen vermag. Die Figur hat eigentlich keine Herkunft, keinen dauerhaften Beruf und gehört keinem Stand an. Gerade deshalb, weil er durch Identitätslosigkeit charakterisiert ist, scheint es Ulenspiegel möglich, jede soziale Rolle zu übernehmen und das Gefüge der Gesellschaft zu stören, indem er den Konstruktionscharakter gesellschaftlicher Ordnungen einsehbar macht.

Das Seminar wird sich mit der Konstruktion und Dekonstruktion sozialer Ordnungen sowie mit gesellschaftlicher Machtkommunikation beschäftigen. Für die Interpretation wird insbesondere auch das unsystematische Erzählen des spätmittelalterlichen Textes von Interesse sein.

Text:

Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515 mit 87 Holzschnitten. Stuttgart 2003 u.ö.


Einer der größten Helden des Mittelalters ist Dietrich von Bern. Durch seinen Onkel aus seinen Erblanden vertrieben, besteht er eine ganze Reihe Abenteuer. Nachdem sich im Sommersemester ein Seminar, dessen Besuch nicht vorausgesetzt wird, mit der sog. ‚Historischen‘ Dietrichepik beschäftigt hat, nehmen wir im Wintersemester die sog. ‚Âventiurehafte‘ Dietrichepik in den Blick, die von Dietrichs Kämpfen gegen Drachen und Riesen, der Befreiung von Damen in Nöten und Ähnlichem erzählt. Exemplarisch anhand der Virginal wollen wir uns damit auseinandersetzen, was Dietrich zum Helden macht und wie heldenepisches Erzählen im Mittelalter funktioniert.


Die Forderung nach mehr Praxisorientierung, der Vorwurf, das Studium sei zu theoretisch, sowie bereits eine strikte Trennung von Theorie und Praxis verdecken, dass in den Geisteswissenschaften eine Erweiterung der praktischen Fähigkeiten auf einer Erweiterung der theoretischen Fähigkeiten aufbaut: Gerade die an sich trockenen Theoriemodelle der Literaturwissenschaft stellen gewissermaßen Brillen zur Verfügung, durch die in der praktischen Textinterpretation mitunter Neues gesehen und erkannt werden kann, das ohne das vorige Durchdenken der Theorie für den Interpreten nicht sichtbar war.

Das Seminar erarbeitet grundsätzliche geisteswissenschaftliche Theorieansätze und erprobt ihre Anwendung auf einen literarischen Text (Das turnei von dem zers). Dabei geht es nicht nur um eine mechanistische Anwendung von Theorien, sondern in erster Linie auch um die Frage, wie aus (allgemeinen) Theorieansätzen (literaturwissenschaftliche) Methoden geformt werden können.